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Rezension zu
Maud Martha

Maud Martha

Von: Literaturreich
19.07.2023

Ein sehr begrüßenswerter Trend geht weiter: in Deutschland ungehörte, übergangene, vorwiegend weibliche, oft Schwarze Stimmen werden endlich – oft nach Jahrzehnten – übersetzt. In der Verlagsbranche und bei den Leser:innen ist in den letzten Jahren das Interesse an solchen Texten enorm gewachsen, weshalb es viele spannende Neu- und Wiederveröffentlichungen zu entdecken gibt. Ein Beispiel dafür ist der bei Manesse erschienene Roman Maud Martha von Gwendolyn Brooks in der sehr gelungenen Übersetzung von Andrea Ott. Die 1917 geborene Autorin lebte zeitlebens in Chicago und verfasste schon früh Gedichte. 1950 erhielt sie für ihren Lyrikband Annie Allen als erste Schwarze Autorin den Pulitzer Prize. 1953 entstand dann ihr einziger, stark autobiografisch gefärbter Roman Maud Martha. Darin erzählt sie in kleinen, zarten Episoden vom Leben und Aufwachsen einer Schwarzen Frau in der South Side von Chicago. Mit der „Beschreibung von Maud Martha“ fängt es an: „Sie mochte Schokolinsen und Bücher und gemalte Musik (tiefblau und zartsilbern) und den sich wandelnden Abendhimmel, von den Stufen der hinteren Veranda aus betrachtet. Und Löwenzahn. (…) Sie mochte diese nüchterne Schönheit, mehr noch aber ihre Alltäglichkeit, denn darin glaubte sie ein Abbild ihrer selbst zu erkennen, und es war tröstlich, dass etwas, was gewöhnlich war, gleichzeitig eine Blume sein konnte.“ DAS LEBEN VON MAUD MARTHA Leise, poetisch und verdichtet, dabei aber auch lakonisch und das Unschöne eines Lebens nicht aussparend erzählt Gwendolyn Brooks von dem Mädchen Maud Martha, dessen Schwester Helen in ihren und leider auch den Augen ihrer Eltern und der meisten Außenstehenden- so viel hübscher und begabter ist als sie, deren Hautfarbe auch die eigene Community als viel zu dunkel empfindet. Maud Martha verfällt nicht in Selbstmitleid, auch wenn sich der spätere Ehemann Paul Phillips als ein weniger guter Fang entpuppt und sie betrügt, als sie schwanger ist, und die erträumte eigene Wohnung sich nur als eine mit Kakerlaken verseuchte, viel zu enge Kitchenette erweist. Ihren lebensklugen Humor lässt sie sich nicht nehmen. „Insgesamt, fand sie, war das Leben eher eine Komödie als eine Tragödie. Fast alle Geschehnisse hatten auch etwas Komisches an sich, und es war gar nicht mal so sehr versteckt. Früher oder später gab es in fast jeder Situation etwas zu lachen. Letzten Endes bewahrte das die Menschen davor, wahnsinnig zu werden.“ Und Gründe für das Wahnsinnigwerden gibt es genug für eine Schwarze Frau in den 1930er und 1940er Jahren in den USA. Armut und kaum Aufstiegschancen, wenig verhüllter oder gedankenloser Rassismus, Sexismus und fehlende Gleichberechtigung in der Ehe und eine katastrophale Wohnsituation infolge der Great Migration, als Millionen Schwarze aus den ländlichen Gebieten der Südstaaten der USA in die Industriestädte des Nordens abwanderten. Maud Marthas Wut auf die Umstände ist eher subtil, auch wenn sie spürbar ist. Ihre Autorin wurde in den 1960er Jahren radikaler, schloss sich der Bürgerrechtsbewegung und dem Black Art Movement an, entzog sich dem Literaturestablishment. Eine Entwicklung, die ihr die (weiße) Literaturszene übelnahm, wie Daniel Schreiber in seinem klugen und aufschlussreichen Nachwort bemerkt. Obwohl dem Pulitzer Prize zahlreiche Auszeichnungen folgten, geriet Gwendolyn Brooks zunehmend in Vergessenheit. Prominente Fürsprecher wie Barack Obama und Bernadine Evaristo haben sie in jüngerer Zeit daraus befreit. Vielleicht auch deswegen können wir nun diesen schönen, leisen Roman auch auf Deutsch genießen.

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